Gehen in alpinem Gelände

Kleiner Tritt hält Dich fit, großer Schritt nimmt Dich mit!„.

Was man auf den ersten Blick vielleicht als antike Bergsteiger-Weisheit belächeln mag, erweist sich als die effizienteste Geh-Methode im alpinen Gelände. Grundsätzlich bleibt es jedem selbst überlassen, wie er sich in den Bergen bewegen möchte. Ob schnelles Gehen oder eher bedächtiges Steigen – beide Fortbewegungsarten haben ihre Vor- und Nachteile und sollten je nach persönlicher Vorliebe und Situation gewählt werden.

Das Gehtempo

Alleine auf Tour kann es sehr grossen Spass machen, bei hohem Tempo die Höhen- und Kilometer nur so zu „fressen“ und seinen Körper mit Freude bei der Arbeit zu erfahren. Es gibt jedoch wesentliche Faktoren, die bei der Wahl des Gehtempos beachtet werden sollten.

Flüssigkeits- und Mineralienverlust

Besonders im Winter bei sehr tiefen Temperaturen oder in grosser Höhe ist die Luft besonders  trocken und entzieht dem Körper Flüssigkeit. Starkes Schwitzen und schnelles Atmen beschleunigt diesen Flüssigkeitsverlust zusätzlich.

Beim bedächtigen Steigen schwitzt der Körper wesentlich weniger, der Flüssigkeits- und Mineralienverlust ist damit niedriger. In wasserarmen Gegenden oder im hochalpinen Bereich muss so weniger Wasser und damit Gewicht getragen werden.

Gehen in Gruppen

Ist man in einer Gruppe mit drei oder mehr Personen unterwegs, ist das schnelle Gehen meist ungeeignet. Ein Mitglied der Gruppe ist immer langsamer als die anderen. Ist diese Person gezwungen, ein für sie zu hohes Tempo mitzugehen, verausgabt sie sich gegebenenfalls. Bei unplanmäßigen Ereignissen wie beispielsweise einem gesperrten Weg oder einer geschlossenen Hütte fehlen dieser Person dann im schlechtesten Fall die Kraftreserven.

Bei gleichmäßigem und bedächtigen Geh-Tempo fällt es den Teilnehmern einer Gruppe leichter, in der Kolonne und damit in Sichtweite zu gehen. Später am Tag kann dieses Kolonne-Gehen besonders schwächere Teilnehmer noch „mitziehen“.

Verletzungsrisiko

Nach einer gewissen Weile lässt selbst beim Ausdauerndsten allmählich die Kraft nach. Bei hohem Tempo wird irgendwann der Fuß nicht mehr konzentriert gesetzt und das Risiko von Stürzen, Verstauchungen oder Zerrungen steigt.

Ein weniger hohes Gehtempo erhält die Konzentrationsfähigkeit wesentlich länger, was das Verletzungsrisiko besonders im späteren Etappenverlauf deutlich senken kann.

Belastung der Gelenke

Schnelles Gehen belastet die Gelenke deutlich mehr als langsames Steigen. Das Körpergewicht wird oft ruckartig auf das gesamte Knie belastet. Die Folge sind Knieschmerzen und bei dauerhafter Belastung oft bleibende Gelenkschäden.

Zeitgewinn

Um schneller am Ziel zu sein, muss exponentiell mehr Kraft investiert werden. Um auf 1.000 Meter nur eine Viertelstunde schneller zu sein, muss schon wesentlich mehr Kraft investiert werden. Der Zeitgewinn geht meist zu Lasten der allgemeinen Verfassung und dem landschaftlichen Genuss.

Auch wenn es auf den ersten Blick langsamer erscheint: in einem gemächlichen Tempo lässt sich in derselben Zeit aufgrund weniger Pausen meist eine ähnliche Entfernung zurücklegen wie mit dem schnellen Gehen.

Pausen

Meist erfordert das schnelle gegenüber dem bedächtigen Gehen häufigere Pausen, um sich zu erholen. Diese können einerseits willkommen sein, da sich die schöne Aussicht geniessen lässt. Andererseits kommt es zwangsläufig zu einer Auskühlung des Körpers. Bei niedrigen Temperaturen und/oder Wind erfährt der Körper dadurch eine zusätzliche Belastung. Bei jeder Pause muss man sich zudem erneut zum Weitergehen zwingen, was im Verlauf einer längeren Etappe immer mühsamer wird.

Ein langsames Tempo erfordert weniger Pausen und erleichtert es, einen anhaltenden Geh-Rhythmus zu finden. Auch fordert eine gleichmäßige Belastung dem Körper weniger als der ständige Wechsel zwischen Anstrengung und Ruhepause. Zudem entfällt das oft lästige und zeitraubende An- und Ausziehen von Windjacke und Rucksack.

Zu Beginn einer Tour sollte nach etwa 15 Minuten die erste kurze Pause gemacht werden. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um überflüssige Kleidung auszuziehen und all das nachzuholen, was man zu Beginn vergessen hat.

Nach zwei- bis dreistündigen Etappen sollten weitere Pausen von circa einer halben Stunde folgen. Die Mittagspause kann mit einer Stunde großzügig ausfallen.

In Gruppen macht es Sinn, die nächste Pause deutlich zu kommunizieren. Ansonsten hält man jedes Mal an, wenn einem Teilnehmer zu warm ist oder er Hunger hat. Diese kurzen Pausen sind die echten Zeitfresser auf einer Tour.

Fazit

Die Faktoren für das Gehen im alpinen Bereich gelten für alle Arten von Bergsport: seien es Ski- oder Schneeschuhtouren im Winter oder Wanderungen und Hochtouren im Sommer. Entspannter und sicherer kommt man immer im bedächtigen Tempo auf dem Gipfel an. Es kann jedoch auch eine große Befriedigung darstellen, einen Gipfel in hohem Tempo „bezwungen“ zu haben. Schlussendlich muss jeder für sich selbst herausfinden, audf welche Art er seine Tour und die Umgebung erfahren möchte.


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