Bergsteigen am Illimani in Bolivien

Tag 3 – Gipfelsturm

Nachts um 2 bimmelt mich der Wecker aus dem bisschen Schlaf, den ich zwischen dem permanenten Gebrabbel  und Geröchel der Argentinier und dem Getöse diverser Eislawinen habe finden können. German ist schon parat und steht in voller Höhen-Montur vor mir. Als er seinen Helm anzieht frage ich ihn, wo er denn meinen hätte. Er schaut mich völlig verständnislos an und ich verstehe, dass meine Annahme, der Guide sorge für das Klettermaterial, definitiv nicht zutrifft. Auch die mir zugesicherte Eisschraube hat er nicht dabei – ich stehe also alpinistisch gesehen völlig nackt da, und soll gleich auf den zweithöchsten Berg Boliviens steigen. Ich bin total abgelöscht und überlege mir, ob ich überhaupt gehen soll – ohne Helm auf einem 6000er rumzuklettern ist so ziemlich das Dümmste, was man dort machen kann. Dann siegt jedoch meine Abenteuerlust und wir steigen los.

Die genaue Route habe ich aus Gewichtsgründen nicht per GPS aufgezeichnet. Vom technischen Anspruch her würde ich die Normalroute mit einem WS+ einordnen. Die grosse Höhe ist hier allerdings nicht berücksichtigt! Und die hat es in sich: mit jeden 100 Metern Höhe wird es mühsamer zu steigen. Obwohl wir sehr langsam unterwegs sind, muss ich immer wieder anhalten, um meinen Puls wieder hinab zu bekommen. Zusätzlich bremst uns das Büsser-Eis: hüfthohe, messerscharfe Eisspitzen verstellen den Weg und erfordern eine gute Trittsicherheit und hohe Konzentration.

Die Route auf den IllimaniUnterwegs überholen uns die beiden Franzosen, die mit der Höhe besser klarkommen als ich. Mittlerweile dämmert es und ich kann endlich etwas sehen. Der Ausblick ist gewaltig, auch wenn ich ihn vor lauter Anstrengung nur am Rande wahrnehme. Wir sind mittlerweile auf 6.000 Metern Höhe, mein Herz rast und meine Lungen brennen. Die Franzosen sind mittlerweile ein gutes Stück vor uns und arbeiten sich eine steile Eiswand hinauf. Am Illimani hat es seit 2 Jahren nicht mehr geschneit, es liegt kein Firn mehr, nur noch blankes Eis. Während der nächsten 50 Höhenmeter höre ich auf meinen Körper, gehe unsere, nein, Germans Ausrüstung durch, schätze die zusätzliche Schwierigkeit der Eiswand ein und wäge unser Risiko mit dem persönlichen Stellenwert des Gipfels ab. Das Ergebnis ist eindeutig und auf 6.050 Metern Höhe brechen wir die Besteigung ab.

Der Weg zurück gestaltet sich schwierig, da mein „Bergführer“ den Weg nicht findet. Ohne Schnee gibt es keine Spuren und wer keine Karten lesen kann muss sich den Weg halt merken. Wenn man diesen beim Aufstieg wegen der Dunkelheit aber nicht sieht, steht man bei -15 Grad auf 6.000 Metern Höhe und weiss nicht weiter. In diesem Moment schwöre ich mir, nie wieder einen bolivianischen Guide zu nehmen. German läuft völlig planlos hin und her und sucht den Weg. Irgendwann stinkt es mir und ich entscheide für uns – direkt hinab. Es ist jedoch ziemlich steil und so baut German einen Stand im Eis zur Sicherung. Und baut… und baut… und nach 10 Minuten erinnert er sich endlich, wie das noch mal mit diesen Eisschrauben war. Zum Glück, denn ich drohe schon festzufrieren. Ausser dieser einen steilen Stelle geht der Abstieg dann aber zügig vor sich und wir erreichen wohlbehalten wieder das Höhenlager.

Nach einer kräftigen Suppe bauen wir unsere Zelte ab und warten auf die Träger, welche einen Teil des Gepäcks bis ins Dorf am Fusse des Illimani tragen. Das Pärchen aus Österreich entscheidet sich, uns zu begleiten. Er hat über Nacht Fieber bekommen und ist gar nicht gut beieinander. Als die Träger das Höhenlager erreichen, machen wir uns nach einem kurzen Schwatz auf den Weg zurück ins Tal.

Einer der Träger hat uns und die Franzosen am Vorabend zu sich eingeladen. Er hat ein Lamm geschlachtet und uns angeboten. Wir sind einverstanden und die Franzosen ebenfalls. Und so kommen die beiden ein gutes Stück nach uns in das Dorf. Sie hatten wegen der steilen Eisfelder ziemliche Schwierigkeiten beim Abstieg und haben sehr lange gebraucht. Wir machen uns also über den Lammbraten her, den unser Gastgeber adrett in einer grünen Plastikwanne arrangiert hat. Der Hunger überwindet unsere anfängliche Skepsis und wir lassen es uns schmecken. Zusammen mit violetten Kartoffeln und einem kalten Bier die ideale Grundlage für einen ausgiebigen Erholungsschlaf.

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