Bergsteigen am Illimani in Bolivien

Der Illimani ist mit 6.439 m der zweithöchste Gipfel Boliviens und liegt nur 2 Autostunden von der Hauptstadt La Paz entfernt. Daher ist der Illimani ein beliebtes Ziel für Bergsteiger und Outdoor-Enthusiasten. Die grosse Höhe war auf meiner eigenen Tour jedoch nicht die einzige Herausforderung.

Tag 1 – Anreise

Der Tag startet mit dem Anprobieren der Thermoausrüstung in der Reiseagentur „Aka Pacha“ in La Paz. Irgendwann kommt ein ca. 30-jähriger junger Bolivianer in das Büro und bringt Lebensmittel und Ausrüstung mit. Ich frage ihn auf Englisch, ob er mein Guide auf den Illimani ist. Er bejaht meine Frage mit holprigem Englisch und stellt sich als „German“ vor. Mit German werde ich also die nächsten vier Tage unterwegs sein. Er spricht kein Englisch, ich spreche kein Spanisch, aber wenigstens verbindet uns sein Name ja irgendwie…

Gestern hatte mir die Angestellte im Büro erzählt, mein Guide würde „Basic English“ sprechen und hätte 25 Jahre Erfahrung. German ist also schon mit 5 Jahren Bergsteiger gewesen – Hut ab! Ich verstehe nun, dass sie einem Gringo in der Agentur immer genau das erzählen, was er hören will, nur damit er eine Tour bucht:

„Bekomme ich einen ausgebildeten Guide?“
„Si, si, senor!“
„Wie sind die Verhältnisse?“
„Muy bien, senor!“
„Wie heisst der Bürgermeister von Wesel?“
„Si, si, senor!“

illimani bolivienNun ja, die Hochtour ist gebucht und irgendwie hätte ich so etwas ja ahnen müssen. Wir steigen also in ein Taxi und fahren los in Richtung Illimani. Unterwegs geniesse ich die bizarr erodierte Landschaft und lasse mich aus scheppernden Boxen mit billigen Synthi-Panflöten anfiepen. Nun weiss ich, wie sich Tinitus anfühlen muss…

An unserem Fahrer ist ein echter Rennfahrer verloren gegangen – sichtlich mit Freude jagt er den Wagen schonungslos die staubigen Pisten entlang und trifft präzise jedes Schlagloch. Rechts geht es oft mehrere hundert Meter steil hinab und die Strasse bröckelt an vielen Stellen schon deutlich – ich schnalle mich an.

So geht es die ganzen 2 Stunden Fahrzeit. Es ist brütend heiss im Wagen aber man hat nur die Wahl, bei offenem Fenster an Staublunge zu sterben, oder bei geschlossenem Fenster den Hitzetod zu erleiden. Der Fahrer entscheidet sich für beides abwechselnd.

bolivien illimani frauen mit pferdIrgendwann kommen wir in einem kleinen Dorf am Fusse des Illimani an. Hier warten bereits Träger mit Packeseln, um einen Teil unseres Gepäcks zum Basislager zu befördern. Ich freue mich schon auf einen entspannten Aufstieg ohne schweren Rucksack.

Kaum sind die Esel bepackt, rennen die Träger in einem atemberaubenden Tempo los, die Esel quiekend hinterher. Ich staune mit offenem Mund, wie man in selbstgebastelten Sandalen so schnell den alpinen Weg hinaufspurten kann, setze ihnen aber nach der ersten Überraschung mutig nach.

100 Metern später merke ich das Bier vom Abend vorher. Ich war mit meinen Eltern zum Abendsessen im Reinecke Fuchs, einem deutschen Lokal in La Paz. – das soll sich nun rächen. Denn weitere 100 Meter später klopft auch das Jägerschnitzel mit den leckeren Pommes an.

Bier und Schnitzel haben nun gemeinsam grossen Spass daran, mich zu quälen. Zu zweit ist das auf Dauer aber langweilig, also verbünden sie sich nach weiteren 100 Metern noch mit Kollege „Verdauungsschnaps“ Jägermeister. Zu dritt nun sorgen sie dafür, dass ich bald ein gutes Stück hinterher ächze. Ich schwöre Abstinenz, weiss jedoch insgeheim, dass ich es wohl nie lernen werde…

illimani bolivien basecampNach 1 1/1 Stunden erreichen wir das Basecamp. Der Guide hatte zwar von 3 bis 4 Stunden Weg gesprochen, aber das habe ich ihm sowieso nicht geglaubt. Die Bolivianer scheinen die Zeit nach mir unbekannten Sternen und Planeten zu messen. Jedenfalls waren sämtliche Angaben der Bergführer zu Wegzeiten ausnahmslos falsch. Letzten Endes sind wir aber oben und so errichten wir die Zelte auf einer wunderschönen Hochebene. Uns öffnet sich der Blick über die Berge bis el Alto und im Rücken thront der mächtige Illimani. Ein wunderbarer Ort!!

Die Sonne ist schon längst untergegangen und der Abendstern funkelt mit den Lichtern vom fernen La Paz um die Wette, als German von einem Ausflug zurück ins Dorf wiederkehrt. Er hatte einen kaputten Kocher mitgenommen und auch noch einen Topf vergessen. Der Ersatz-Kocher , den German mitgebracht hat, furzt kurz darauf von unten kleine Flämmchen an den Topfboden und gibt sein Bestes, das wenige Wasser darin auf Handtemperatur zu bringen. Derweil fällt die Temperatur rapide auf unangenehme -3 Grad und nicht einmal meine Daunenjacke hält mich warm genug. Nach einer guten halben Stunde rettet mich aber German’s Süppchen vor ernsten Erfrierungen an den Extremitäten.

Nach der Suppe fängt er jedoch an, Spaghetti zu kochen. Ich bin total durchgefroren und will eigentlich nur noch in meinen Schlafsack. Aber wie sagt man mit einem spanischen Wortschatz von 40 Wörtern: „Hey German! Komm, lass das mit den Spaghetti und der frischen Pasta-Sauce. Die Suppe reicht mir schon und ich hab eh nicht so Hunger“? Also steigern geniesse ich weiterhin die Vorfreude auf mein Zelt, bis die Pasta endlich fertig ist und mich vor dem sicheren Kältetod rettet.

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