Die 10 grössten Ärgernisse in den Schweizer Bergen – eine Antwort

Ein Artikel im Tagesanzeiger hat „Die 10 grössten Ärgernisse in den Schweizer Bergen“ aufgelistet. Der Artikel hat für einigen Aufruhr gesorgt und wurde binnen 24 Stunden mehr als 230 Mal kommentiert. Mein eigener Kommentar hierzu ist etwas detaillierter ausgefallen.

Dem Artikel vorangegangen war die Schilderung der Wandererlebnisse einer deutschen Journalistin, welche eine Woche in den Schweizer Bergen unterwegs war. Daraufhin gab es wütende Leserkommentare, welche die Redaktion in obiger Top-Ten-Liste zusammenfasste. Diese wiederum wurde innerhalb von 24 Stunden mehr als 230 Mal kommentiert. Beim Durchlesen der Kommentare sind mir drei zugrunde liegende Hauptprobleme hierfür eingefallen, welche ich im Folgenden erläutern möchte.

1. Alle machen jetzt Outdoor

Die Outdoorbranche adressiert schon seit längerem den Massenmarkt für ihre Produkte. Outdoor-Läden und „Flagship Stores“ schiessen wie Pilze aus dem Boden, Hersteller schalten Plakatwerbung in den Innenstädten und ganzseitige Anzeigen in Magazinen. Outdoor ist momentan schwer angesagt.

Die Werbung greift und daher legt sich auch Lieschen Müller bei Tchibo und Aldi eine Outdoorausrüstung zu. Solchermassen ausgestattet versucht sie nun, die Wildnis auf den Werbeplakaten in den Alpen nachzuerleben.

Überall dort, wo viele Menschen zusammentreffen, kommt es zu kleineren und grösseren Interessenskonflikten: Während Lieschen die Aussicht bei Schnipo und Dudelmusik geniesst, regt sich der „echte“ Alpinist über deren herumliegende Walkingstöcke und den kläffenden Schosshund auf. Warum sollte es in den Bergen anders als am Strand auf Mallorca sein?

2. Selbstüberschatzung und mangelnde Erfahrung

Die Outdoor-Industrie suggeriert in Ihren Werbekampagnen den totalen Schutz gegen Witterungseinflüsse durch ihre Produkte. Der hoch technisierte Mensch in seiner atmungsaktiven Nanoperl-Rüstung obsiegt im Kampf gegen die Elemente. Auch das verfängt bei Otto Normalverbraucher: Mit seiner teuren Jacke kann er Extremsituationen wie auf dem Werbeplakat locker meistern. Also los geht’s – Wetter ist ja egal!

Seine mangelnde Konstitution und Erfahrung versucht Otto also durch eine hochprofessionelle Ausrüstung wett zu machen. Statt Blasen durch regelmässiges Laufen in seinen Schuhen vorzubeugen, helfen Klimasocken mit Druckzonen-Ausrüstung. Mit Hilfe von Stöcken schleppt er sich weiss-blau-weiss markierte Bergwege hinauf, unwissend, dass er sich gerade auf einem alpinen Weg befindet. Aber egal, das Navigationsgerät mit Touchscreen wird ihn schon wieder zurückführen. Zuhause im Stadtpark hat das ja auch funktioniert! Und mit dem Multi-Stretchzonen-Unterhemd mit aufgemalten Bauchmuskeln sind die ausgeschilderten 4 Wegstunden sowieso ein Kinderspiel.

Die Folge sind eine Vielzahl von Unfällen: Touristen laufen mit Strassenschuhen auf Gletschern herum (schon live gesehen!), geraten wegen Erschöpfung in Bergnot und stürzen von Klettersteigen ab. Aber was soll man machen? Darwins Gesetz gilt eben auch hier…

3. Anspruchsverhalten und Konsumgewohnheiten

Lieschen und Otto sind überall besten Service gewohnt: 24/7 einzukaufen ist für sie Standard, mittags gibt es Sushi ins Büro geliefert und abends wählt man beim Italiener unter 87 verschiedenen Rotweinen den passenden für das Carpaccio aus. Ihre 367 Freunde treffen sie vor allem online und sind dermassen mit allem und jedem vernetzt, dass sie sich schon total verheddert haben. Begriffe wie Bedürfnisaufschub, bewusster Verzicht und Authentizität sind ihnen völlig fremd.

Die beiden kommen nun also auf eine Berg-Hütte, den Rucksack voll gepackt mit Ansprüchen, Erwartungen und Bildern aus dem Internet und Werbebroschüren im Kopf. Leider wissen sie nicht:

  • dass auf vielen Hütten alles per Hubschrauber geliefert werden muss und dadurch natürlich bei der Vielfalt der offerierten Waren Abstriche gemacht werden müssen.
  • dass der Hüttenwirt bereits um 3 Uhr morgens aufgestanden ist, um das Frühstück für die Alpinisten vorzubereiten und gerade ziemlich müde ist.
  • dass das Hüttenteam selbst extrem wenig Platz und Privatsphäre hat, dies für mehrere Monate im Jahr und entsprechend schnippisch wird, wenn plötzlich der Gast in der Küche steht und einen Latte-to-go verlangt.
  • dass viele SAC-Hüttenwirte nur an der Verköstigung und nicht an der Übernachtung verdienen, und daher knapp kalkulieren müssen.
  • dass Wasser und Strom in hochalpinen Bereichen nur mit grossem Aufwand bereitgestellt werden kann und die Entsorgung teils problematisch ist.
  • dass die Hütte vor über 100 Jahren gebaut wurde, als sich nur ein paar knorrige Bergfexe in hochalpine Gegenden gewagt haben.
  • und schlussendlich, dass sicher noch kein Hüttenwirt durch seine Hütte jemals reich geworden ist und viele auf das Verständnis und die Mithilfe der Gäste angewiesen sind.

Es ist klar, dass hier Erwartungen enttäuscht werden. Lieschen und Otto sind es gewohnt, sich Erlebnisse zu kaufen und wenn sie schon für diese bezahlen, so darf sie auch nichts trüben. Man ist ja Kunde und hat Rechte!

Leider oder zum Glück – je nach Standpunkt – ist das auf den Hütten noch nicht der Fall. Für mich persönlich sind sie ein Ort, wo das Beisammensein noch authentisch und damit menschlich ist. Wo schon fast ein Familiengefühl aufkommt, wenn das Essen auf den Tisch kommt und alle aus dem selben Topf schöpfen. Und wo mir immer wieder bewusst wird, was für ein Luxus eine heisse Dusche und ein eigenes Bett sind!

Natürlich kenne ich auch die unfreundliche Bedienung, furzende Bettnachbarn und frage mich jedesmal beim Frühstück, warum es nur Aprikosen- und Zwetschgenmarmelade gibt! Aber wo Licht ist, da ist immer auch Schatten. Ausser natürlich, ich bastle mir meine Vorstellungen anhand von Hochglanz-Magazinen zusammen…

Und nun…?

Eine Patentlösung für die obigen Probleme kann ich leider auch nicht anbieten. Und nicht alle der Beschwerden der Top-Ten sind völlig aus der Luft gegriffen. Aber wie es der Tenor der meisten Kommentare ist: man muss ja nicht auf die Hütten gehen. Dem kann ich mich nur anschliessen.

Wie seht ihr das? Ich freue mich über eure Kommentare hierzu!


3 Responses to “Die 10 grössten Ärgernisse in den Schweizer Bergen – eine Antwort”

  1. Ein toller Beitrag! Vorallem Punkt 2 trifft man immer wieder. Das Aufsteigen mit Turnschuhen auf vereiste Gipfel haben wir in Schweden dieses Jahr ebenfalls gesehen. Können nur hoffen, dass sich die Entwicklung im Rahmen hält.

  2. Schöner Artikel. Man muss sich doch immer wieder wundern 😉
    Da fällt mir immer wieder Stefan Glowacz‘ Aktion ein „Die Alpen brauchen keine Geschmacksverstärker“

  3. Mein Highlight 2010 diesbezüglich war ein Mädel im Minirock auf einem Firnfeld am Orny-Gletscher. Nun, ich hätte sie sicher gerettet…

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