Test: Der Lawinenball (Avalanche Ball)

Nein, für diesen Test habe ich mich nicht in einen Lawinenhang gestürzt. Vielmehr habe ich eine Snowboardtour mit dem SAC am Wochenende genutzt, um meinen neuen Lawinenball (auch Avalanche Ball genannt) in der Praxis zu testen.

Funktionsweise und Vorteile des Lawinenballs

Der Avalanche Ball ist ein bei Tourengehern bisher eher wenig verbreitetes Ortungssystem für Verschüttete. Beim Ziehen der Reissleine öffnet sich durch Federspannung ein roter Ball, welcher über eine 6 Meter lange Leine mit einem Bauchgurt am Tourengeher verbunden ist. Der Ball bleibt in der Lawine stets an der Oberfläche und ermöglicht es Helfern, den Verschütteten innerhalb kurzer Zeit zu finden.

Meine Recherche sowohl auf der Seite des Herstellers als auch in diversen Bergsport-Foren im Internet überzeugte mich von den Vorteilen dieses Systems. Der Hersteller zitiert eine Studie, nach welcher nur 16 % der Tourengeher einen Verschütteten mit dem LVS-Gerät finden! Nun habe ich diese Studie nicht im Original gelesen und misstraue Statistiken allgemein etwas. Meine Beobachtungen bei meiner letzten LVS-Übung gehen jedoch in eine ähnliche Richtung. Die Teilnehmer mit älteren analogen LVS-Geräten hatten grosse Mühe, das vergrabene Gerät – wenn überhaupt – zu finden. Wie die Situation in der Realität unter Stress aussieht, wage ich mir gar nicht vorzustellen.

Lieferumfang und erster Gebrauch

www.outdoorblog.ch-lieferumfang-lawinenballMein neuer Lawinenball kam per Paketpost mit einer Informationsbroschüre, gedruckter (Kurz-)Anleitung und einer CD. Da ich zu den Menschen gehöre, die Bedienungsanleitungen grundsätzlich nicht lesen, habe ich das Verpacken des Lawinenballs gleich anhand der gedruckten Packanleitung ausprobiert. Auf den sehr kleinen Bildern erkennt man zwar nicht richtig, wie der Spanngummi geführt werden soll – der Beschreibungstext sowie die im Packsack aufgedruckte Anleitung helfen jedoch weiter.

Auf der CD findet sich ein 21-minütiger Informationsfilm mit Berichten über Tests mit dem Lawinenball, der Aufzeichnung der ORF-Wissenschaftssendung „Modern Times“, in welcher der Lawinenball mit einem Innovationspreis ausgezeichnet wurde, sowie einer Demonstration, wie man den Lawinenball richtig verpackt.

Das Verpacken selbst geht nach etwas Übung sehr leicht von der Hand. Die Befestigung am Rucksack funktioniert tadellos und das Auslösen des Lawinenballs per Reissleine ist auch mit dicken Fäustlingen kein Problem.

Verarbeitung des Lawinenballs

www.outdoorblog.ch-spannfeder-lawinenball

Der Lawinenball selbst ist aus einem festen Nylonstoff und wird von stabilen Stützstreben in Form  gehalten. Die Mechanik ist mit einer kräftigen Spannfeder ausgestattet, welche den Ball am Auseinanderklappen hindert. Der Spanngummi zum Verpacken des Lawinenballs wird wohl recht schnell ausleiern. Für den Fall, dass man dies beim Packen am Abend vor der Tour feststellt, wäre ein Ersatzgummi im Lieferumfang sinnvoll.

Die Leine erscheint mir für ihre Funktion sehr reissfest und ist mittels genähtem Ankerstich fest mit dem Lawinenball und dem Bauchgurt verbunden. Der Bauchgurt wird mit einer metallenen Steckschliesse geschlossen. Diese ist zwar mit Handschuhen und bei Kälte schwer zu bedienen. Es gibt jedoch die Möglichkeit, die Leine per Karabinerhaken an der eigens dafür vorgesehenen Schlaufe des Bauchgurts zu befestigen. Clevere Lösung, da so der Bauchgurt nicht ständig abgenommen werden muss, wenn man den Rucksack absetzt. Sämtliche Materialien sind übrigens sehr sauber genäht.

Handling während der Tour

Transportiert habe ich den Lawinenball wie vorgesehen oben auf dem Rucksack. Während der Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln sowie beim Aufstieg in waldigem Gebiet mit tief hängenden Ästen habe ich stets darauf achten müssen, nicht irgendwo mit dem Griff der Reissleine hängen zu bleiben. Ein versehentliches Auslösen wäre sicher für einen Lacher der Umstehenden gut, in gewissen Situationen scheint es mir jedoch nicht ganz ungefährlich. Hier würde ich mir eine verlässliche Sicherung am System selbst wünschen, sodass ich zum geeigneten Zeitpunkt mit einem Handgriff den Lawinenball sozusagen „scharf“ machen kann.

Zwar könnte man den Lawinenball auch in einer Tüte transportieren, hätte dann aber mit dem Snowboard oder den Skistöcken in der einen Hand die andere nicht mehr frei. Auch das Anbringen am Rucksack vor Ort würde bei Touren in der Gruppe eventuell Verzögerungen und Hektik bedeuten. Dies führt unter Umständen zu Fehlern beim Befestigen.

Test-Fazit Lawinenball

Der Lawinenball ist aus meiner Sicht das optimale System, um Helfern im Extremfall die schnelle Ortung und Rettung seiner selbst zu ermöglichen. Beim Transport und während der Tour muss man jedoch sehr darauf achten, das System nicht zufällig auszulösen. Dieser Nachteil könnte mittels einer verlässlichen Transportsicherung behoben werden. Ansonsten überwiegen für mich jedoch  die Vorteile des Avalanche Ball eindeutig.

Solange nicht alle Teilnehmer einer Gruppe den Lawinenball mit sich führen, ist dieser sicher nur als Ergänzung der klassischen LVS-Geräte zu sehen. Aber auch wenn man der Einzige mit Avalanche Ball ist, hat man während der Tour das gute Gefühl, im Fall der Fälle auch von Laien schneller gefunden werden zu können.

Nachtrag:
Mittlerweile habe ich den Lawinenball verkauft und mir einen Lawinenrucksack zugelegt. Der Grund hierfür ist einzig, dass ich im Fall der Fälle lieber obenauf schwimme, als mich auf die Schaufelkünste andere Tourengänger verlassen zu müssen. An meinem Test-Fazit zum Lawinenball ändert dies nichts. Der Lawinenrucksack ist natürlich eine gewisse Investition – man kann ein 13. Monatsgehalt aber auch für dinnlosere Dinge ausgeben.

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Dieser Artikel gibt die persönliche Meinung des Autors über das beschriebene Produkt wider. Er wurde ohne finanzielle Interessen oder Einflussnahme durch den Hersteller erstellt und soll als neutrale Orientierungshilfe für Leser dienen.


2 Responses to “Test: Der Lawinenball (Avalanche Ball)”

  1. Eine recht Feste „transportsicherung“ für Liftfahrten u.Ä. kriegt man wenn man das Gummiband über den Ring am Auslöserstift legt. Ich denke dies wird nicht so empfohlen, da man wieder vergessen könnte, scharf zu stellen. Konntest Du nicht die Leine so stramm verlegen am Rucksack dass sie nicht drohte sich zu verfangen?

    Beim Aufstieg in waldigem gebiet aber, was tun wenn dort eine Lawine losgeht? Alle Transportsicherungen sind dann gefährlich, da die Auslösung erschwert/unmöglich wird. Gibt’s hier gute Lösungen bei den anderen Systemen mit Auslöser?

    Ein grosser Vorteil mit dem Lawinenball sehe ich darin, dass versehentlich auslösen nicht so schlimm ist – einfach wieder zusammenbauen.

  2. Die Leine ist weniger das Problem sich zu verfangen, eher der Griff zum Auslösen. Aber Du hast recht – selbst wenn der Lawinenball dadurch versehentlich ausgelöst wird, lässt er sich sehr flott wieder zusammenlegen.
    Bei einer Lawine im Wald hilft Dir aus meiner Sicht keines der Lawinensysteme wirklich, selbst wenn Du es auslösen kannst. Die Lawine wird Dich einfach gegen die Bäume schmettern, und da hilft leider weder Lawinenball noch Airbag…

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