Funktionsunterwäsche – Merinowolle oder Kunstfaser?

Häufig steht man vor der grossen Frage, welche Unterwäsche man denn nun mit auf  die Tour nimmt: das edle, weiche Leibchen aus Merinowolle oder doch lieber das Hightech-Funktionsshirt im Gladiator-Stil? Ich habe hierauf eine klare Antwort.

Blättert man durch Outdoor-Magazine und -kataloge, fallen einem schnell die  Anzeigen für Funktionswäsche ins Auge: gepflegte Models präsentieren hier auf Gletschern oder mitten in Alaska silberionenbehandelte Unterwäsche aus Nano-Hightech-Fasern mit teilweise sogar aufgemalten Bauchmuskeln. Daneben ist meist eine Grafik abgebildet, wo wahlweise Leistungskurven steil nach rechts oben ansteigen oder Makro-3D-Ansichten Fasern darstellen, welche das X-fache ihres Eigengewichts an Schweiss transportieren können. Kompressionszonen versprechen dem Träger  schneller, höher und weiter zu laufen, klettern und was alles noch zu können.

Alles Mumpitz!

Für sportliche Aktivitäten die länger dauern als die abendliche Joggingrunde um den Block gibt es einen klaren Favoriten: die gute, alte Wolle. Nicht die kratzende von Oma’s gehäkelter Mütze, sondern die weiche Merinowolle. Deren Fasern sind mit 15-25 Mikron wesentlich dünner als herkömmliche Schurwolle (30 bis 50 Mikron) und kratzen daher nicht (physiologische “Kratzgrenze” des Menschen bei ca. 28 Mikron).

Ich bin sicher kein Lobbyist der Merino-Mafia, daher versuche ich im Sinne einer differenzierten Darstellung sowohl die Vorteile als auch Nachteile von Merinowolle versus Kunstfaser darzustellen.

Vorteile von Merinowolle gegenüber Kunstfasern

1. Optimaler Feuchtigkeitstransport

Der Körper schwitzt, um sich zu kühlen. Bleibt er bei Anstrengung trocken, weil künstliche Fasern gleich allen Schweiss vom Körper wegtransportieren schwitzt er einfach noch mehr. Das kostet Energie, welche für die eigentliche Tätigkeit nicht zur Verfügung steht und Wasser in Form von erhöhter Schweissproduktion. Es macht also keinen Sinn, den Schweiss einfach von der Haut weg zu transportieren.

Merinowolle hat eine natürliche Thermoregulation. Die Oberfläche der Fasern stößt Wasser zwar ab, die Fasern können aber im Inneren bis zu 30% ihres Eigengewichts an Feuchtigkeit in Form von Wasserdampf aufnehmen ohne sich dabei feucht anzufühlen. So wird die Kühlung des Körpers auf natürliche Weise unterstützt.

2. Kaum Geruch

Wer einmal mit tränenden Augen in einer schön engen Alpenhütte neben einem Zeitgenossen stand, der sich gerade aus seinem stinkenden Plastikleibchen schälte, weiss, dass da weder Silberfäden noch irgendwelche Imprägnierungen langfristig helfen. Kunstfaser auf der Haut fängt an zu stinken. Da helfen keine eingearbeitete Aktivkohle, keine Anti-Geruchsimprägnierungen und keine Silber-Ionen. Wollte man ohne zu riechen auf eine Mehrtagestour, müsste man für jeden Tag eine neue Garnitur Kunstfaser-Funktionsunterwäsche einpacken. Sie ist zwar leicht, dafür müffelt sie spätestens am zweiten Tag feucht im Rucksack vor sich hin.

Bei von der Anstrengung leicht feuchter Merinowolle riecht man nach dem nächtlichen Auslüften kaum etwas. Ein Merinowoll-Unterhemd kann man mehrere Tage tragen, ohne seinen Hüttennachbarn tränende Augen zu bescheren. Das spart Platz und Gewicht.

3. Hohe Isolationsfähigkeit

Die gekräuselten Fasern der Wolle können, bezogen auf ihr Gesamtvolumen, bis zu 85 % Luft halten. Damit ist Wolle ein hervorragender Isolationsschutz gegen Kälte und Wärme. In Verbindung mit Feuchtigkeit setzen Eiweisse in den Wollfasern zusätzlich Wärme frei, so dass Wolle im Gegensatz zu Kunstfasern auch im feuchten Zustand noch wärmt.

4. Tragekomfort

Spätestens mit der Verwendung von Merinowolle gehört das Kratzen der Vergangenheit an. Heutige Wollunterwäsche wird aus sehr feiner Merinowolle hergestellt.
Im Gegensatz zu gröberer Schurwolle krümmen sich deren elastischen Fasern bei Kontakt mit der Haut. Die Nervenenden melden daher weich, nicht kratzig.

Nach einem ganzen Tag auf Bergtour oder mit dem Fahrrad habe ich mir mit Funktionsunterwäsche aus Kunstfaser schon oft einen Wolf gelaufen. Zwar mag es mittlerweile Funktionswäsche mit speziellen Materialien an kritischen Stellen geben. Bisher hat mit jedoch noch  keines dieser Teile überzeugt.

5. Natürlichkeit und Nachhaltigkeit

Für mich persönlich ist der ökologische Gedanke ein wesentlicher Grund, Funktionswäsche aus Merinowolle zu tragen. Wolle ist ein natürliches Material, nachwachsend und ohne Rückstände abbaubar. Die Herstellung sowie Verarbeitung von Merinowolle ernährt ausserdem mehr Menschen als eine im Chemie-Labor irgendeines Grosskonzerns hergestellte Plastikfaser.

Zur Herstellung von Funktionswäsche aus Kunstfasern wird eine Vielzahl verschiedener Chemikalien verwendet und ist ein hoher Energiebedarf notwendig. Hat die Funktionswäsche ihr Soll erfüllt, verrottet sie kaum und all die Nanofasern und Silberfäden liegen auf den Müllkippen herum.

6. Und noch ein paar mehr

– Im Gegensatz zu Kunstfaser ist Merinowolle nur schwer brennbar
– Sie lädt sich nicht statisch auf
– Sie zieht keine Schmutzpartikel an
– Sie ist weitgehend knitterfrei

Nachteile von Merinowolle gegenüber Kunstfasern

Wo Licht ist, da ist immer auch Schatten. Daher hat Merinowolle gegenüber Kunstfasern auch Nachteile.

1. Mulesing

Das Mulesing ist ein grausames und tierquälerisches Verfahren, um bei Merino-Schafen einen Befall mit Fliegenmaden zu verhindern. Es ist vor allem in Australien gebräuchlich, auch wenn es dort Ende 2010 verboten werden soll. Man kann jedoch davon ausgehen, dass auch Merino-Schafe z.B. in Asien entsprechend behandelt werden. Bei billiger Merinowäsche, beispielsweise Sonderangeboten von Discountern, ist es aus meiner Sicht sogar sicher, dass die Woll-Liferanten diese Methode anwenden. Irgendwo muss bei den billigen Preisen ja gespart werden, und das ist sicher an den Lebensbedingungen der Tiere.Mulesing

Verschiedene Hersteller (Liste am Ende des Artikels) haben sich auf eine nachhaltige und tierfreundliche Produktion ohne Mulesing verpflichtet. Entsprechend höher ist der Preis der Merino-Unterwäsche. Allerdings zahle ich gerne mehr Geld wenn ich dafür sicher sein kann, dass meine Unterwäsche aus Merinowolle tierfreundlich hergestellt wurde.

2. Empfindlichkeit

Wolle ist gegenüber Beanspruchung meist empfindlicher als Kunstfaser. Knötchenbildung an Druckstellen beispielsweise vom Rucksack sind keine Seltenheit. Auch beim Waschen der Wolle sind etwas Vorsicht und das richtige Waschmittel nötig, um den natürlichen Fettgehalt der Woll-Fasern nicht zu zerstören.

3. Preis

Unterwäsche aus Merinowolle kostet meist mehr als die aus Kunstfasern. Allerdings macht dies die Langlebigkeit der Unterwäsche wieder wett. Zudem verwendet Funktionswäsche aus Kunstfaser immer raffinierter verschiedene Materialien an verschiedenen Zonen, was deren Produktionskosten in die Höhe treibt. Mit einem offenen Auge am Ende der Saison findet man sicher auch Merino-Schnäppchen.

4. Trocknungszeit

Hier ist die Kunstfaser klar im Vorteil.

Fazit

Auch wenn der Preis für Funktionswäsche aus Merinowolle für so manchen stockenden Herzschlag sorgen mag – die vielen Vorteile machen den Kauf allemal wett. Spätestens bei der nächsten längeren Tour zahlt sich die Investition durch mehr Wohlbefinden und wesentlich weniger Packmass aus.

Ich lege jedoch jedem ans Herz sich vor dem Kauf von Merinowoll-Unterwäsche beim Hersteller darüber zu informieren, ob deren Lieferanten Mulesing anwenden! Folgende Hersteller habe ich diesbezüglich angeschrieben und folgende Antworten erhalten:

Ortovox

“Mulesing ist bei uns im Hause bereits seit mehreren Jahren ein Thema, mit dem wir uns intensiv auseinander gesetzt haben. In den letzten Jahren haben wir unsere Merinowolle von unterschiedlichen Farmen in Neuseeland und Australien bezogen. Neben der Qualität und der Wirtschaftlichkeit war für uns das Thema Mulesing ein zentraler Bestandteil im sourcing-Prozeß, was dazu geführt hat, dass wir auch Quellen ausgetauscht haben. Die Überwachung der Farmen erfolgte teils durch persönliche Besuche unserer Produktabteilung vor Ort als auch durch Einforderung von Zertifikaten, die eine Mulesing-freie Herkunft bestätigen, wie es das Ortovox Merino Certificate beispielhaft zeigt.”

Mammut

“Merino kommt bei uns in der funktionellen Unterwäsche vor, wo sie jene Körperbereiche warm halten soll, die besonders empflindlich sind. Mulesing ist für uns ein höchstrelevantes Thema; wir verstehen es als Teil unserer sozialen Unternehmensverantwortung. Beim Sourcing der Merinowolle achten wir darauf, dass diese unter tierfreundlichen Bedingungen gewonnen wurde. Wir fordern von unseren Lieferanten, dass sie kein “Mulesing” betreiben. Die Schwierigkeit liegt allerdings in der Überprüfung der Einhaltung dieser Forderung.

Gemäss unserem Wissensstand ist es bei der Wolle schwierig, am Rohmaterial zu erkennen, wie genau es gewonnen wurde. Denn die Wolle gelangt ja vom Rohstofflieferanten in bereits gewaschener Form zur Weiterverarbeitung. Wir prüfen zurzeit die Einforderung eines entsprechenden Zertifikats. Das Problem hier ist allerdings zweierlei: Einerseits ist der Wolllieferant ein Glied in einer komplexen Zulieferkette, wir sind nicht in direktem Kontakt mit ihm. Andererseits ist auch ein Zertifikat immer eine Standesaufnahme, also ein Bild eines IST-Zustandes. Wirklich vertrauenswürdig ist es eigentlich erst dann, wenn dahinter eine Systematik steckt, d.h. ein follow-up und kontinuierliche Kontrolle.”

Smartwool

“you can take comfort in knowing SmartWool was the first Merino wool company to take a stand against Mulesing in 2005. Since then, we have been able to influence our New Zealand growers to cease mulesing and gain traceability back to the source of our wool through Zque.  Zque is the world’s first wool accreditation system which we helped create and states that farms must cease mulesing in order to gain accreditation.  You can learn more about Zque at www.zque.co.nz.” (Danke an Dan von Dolomite Sport für die Weiterleitung der E-Mail)

Icebreaker

Icebreaker hat eine eigene Website zum Thema “Animal Welfare”

Devold

“We buy wool directly from sheep farms. And we buy only from farms situated on the Tasmania island outside Australia. The farms we deal with are not performing mulesing and we have visited these farms several times.”


14 Responses to “Funktionsunterwäsche – Merinowolle oder Kunstfaser?”

  1. Vielen Dank für diesen ausführlichen Beitrag. Auch wenn für mich prinzipiell nur Merino in Frage kommt, hat der Beitrag für mich auch einige neue Punkte enthalten.

    Freundliche Grüße
    St

  2. Das freut mich zu lesen!

  3. Vielen Dank für den super Artikel.
    Ich habe mir mit einem Woolpower 400 Jacket mein erstes Merinokleidungsstück geholt und bin ziemlich begeistert.
    Habe aber mal ne Frage.

    Was ziehe ich zwischen Unterwäsche -> (?) -> Fleece -> Jacke an?

  4. Hi Timo

    Üblicherweise trägt man drei Schichten:
    1. Innenschicht: hält Körper trocken und warm
    2. Isolationsschicht:Wärme-Isolation
    3. Wetterschutzschicht: Wind- und Wasserdicht

    Du kannst natürlich noch eine zusätzliche, vierte Schicht anziehen. Ich selbst habe manchmal über dem Merino-Unterhemd noch ein zweites, langärmliges Merinoshirt als zusätzliche Innenschicht an. Dann muss es aber schon sehr kalt sein, sonst verschmachtet man vor Hitze ;) Dein 400er Jacket kannst Du sowohl als zweite und – bei trockenem Wetter – als dritte Schicht tragen.

  5. Es gibt auch Situationen wo ein möglichst rasches trocknen wichtig ist.Und Kunstoff dadurch auch Vorteile hat.

    Im Militär wo sich körperliche Aktivität und herumstehen vielfach abwechseln, ist man in de kalten Jahreszeit froh, wenn die Funktionsunterwäsche rasch trocknet.Weil man sonnst sehr rasch kalt bekommt.
    (Der Preis muss fürs Militär natürlich auch möglichst billig sein damit die Armeeausgaben tief bleiben)

  6. Gute Argumente für Funktionswäsche aus Kunstfaser beim Militär. Der Geruch gehört dann allerdings mit zur Survival-Ausbildung… ;)

  7. Bei zuviel Geruch leidet dann aber die Tarnfähigkeit :)

  8. Ganz ehrlich -ich hatte noch nie irgendeine superperformance -was auch immer sportunterwäsche an – die an eisigen Tagen auf der Piste wirklich warmgehalten hat -kaum schwitzt man -ist das alles ecklig kalt geworden…

  9. Hmmm – persönlich finde ich die Unterschiede zwischen Unterwäsche aus Kunstfaser und Merinowolle in Bezug auf die Wärmeleistung in feuchtem Zustand eindeutig. Vielleicht solltest Du daher beim nächsten Mal auf der Piste Deine restlichen Kleidungsschichten überprüfen. Eigentlich sollte Dich die Isolationsschicht ausreichend warmhalten, auch wenn Du verschwitzt bist. Das kann sie aber nur, wenn die Aussenschicht auch wirklich winddicht ist. Und falls alles nichts bringt, hilft immer noch der gute, alte “Hampelmann” :)

  10. Sehr informativer Artikel. Toll finde ich auch die Liste mit den Hersteller, die sich mit dem Thema Mulesing auseinandergesetzt haben.

  11. Fand den Artikel auch sehr hilfreich – als kleines “Dankeschön” den aktuellen Link bei Icebreaker:

    http://de.icebreaker.com/Icebreaker-Ethics/how-we-treat-animals,de,pg.html

  12. Sehr gut und ausführlich recherchierter Artikel.
    Seit Kurzem gibt es einen weiteren Produzenten, der im Allgäu produziert und nur online verkauft. Das Sortiment ist zwar noch klein, wird aber sukzessive ausgebaut.
    Hier der link:
    http://www.Kaipara.de

  13. Ich sehe das genauso. Diese immer gleich aussehenden selbst ernannten High-Tech-Klamotten sind im irgendwelche Durchbrüche und Innovationen. Ich paddel dadurch nicht schneller, nicht schöner, nicht länger, nicht kompfortabler. Und ich weiß auch nicht warum es ein Vorteil ist, dass meine Hemden nach einer halben Stunde trocken sind, meine Neohose aber ohnehin ‘nen halben Tag braucht und ich sowieso nicht 8 mal am Tag paddeln gehe.

  14. Danke für die differenzierte Sichtweise über dieses Thema! Insbesondere die Herkunft wird von den Produzenten häufig verschleiert.

    Schafwolle ist nach wie vor eine der vielfältigsten Textilfasern. Da wir lange auf der Suche nach tierfreundlich produzierter, ökologischer oder gar zertifizierter Wolle waren, welche maschinenwaschbar ist, und auch einen gewissen Tragekomfort verspricht, haben wir hierfür einige Mühe auf uns genommen und soeben einen eigenen Shop online gestellt. Die Adresse: http://www.wunderwolle.ch

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